Juni 2021

Arten- und Biotopschutz: Über die Schutzwürdigkeit des Bibers

Foto: J. Hönninger
Foto: J. Hönninger

Leider läuft in den Fränkischen Nachrichten seit einigen Wochen in Beiträgen, Kommentaren und Leserbriefen eine regelrechte Kampagne gegen den Status des Bibers als streng geschützte Tierart. Hierauf haben wir als NABU Wittighausen reagiert und einen  Pressemitteilung in den Fränkischen Nachrichten, der Mainpost und dem Amtsblatt veröffentlicht, um einiges in dieser Hinsicht sachlich und fachlich zurecht zurücken und anhand des Wittighäuser Rieds die ökologische Wertigkeit des Bibers zu erläutern:

 

Biberdamm schützt Unterwittighausen vor Hochwasser

 

Ein Biberdamm schützte den Insinger Bach und somit die anliegenden Grundstücke und Häuser vor einem kleinen Hochwasser nach einem Starkregenereignis in Wittighausen.

Die bayerische Landesregierung lies nach mehreren Hochwasserereignissen im Jahre 2018 die Wirkung von Biberdämmen hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Hochwasserschutz wissenschaftlich untersuchen.

 

Dämme werden nur an kleineren, mit Gehölz bewachsenen Fließgewässern gebaut, die eine Wasserhöhe von weniger als 70 cm aufweisen. Diese Wasserhöhe von mindestens 70 cm benötigt der Biber zum Schutz der Burg und als Lebensraum. Jeder Damm weist in der Dammkrone eine ca. 10 cm hohe Vertiefung aus, über die das Wasser abfließt. Die höhere Dammkrone gegenüber der Vertiefung dient als Rückstaubarriere bei Hochwasser. Hierbei werden vor allem bei kleinen Starkregenereignissen Wassermassen zurückgehalten, die Fließgeschwindigkeit reduziert und die Hochwasserscheitel gesenkt. Genau diese wissenschaftlichen Erkenntnisse konnten am Mittwoch, den 09.06.2021 am Ried in Wittighausen beobachtet werden. Gegen 18:00 Uhr zog sich der Himmel zu und innerhalb von nur 20 Minuten fielen ca. 25 mm Niederschlag. Die Wassermassen wurden durch den Biberdamm zurückgehalten und der Wasserspiegel im Ried stieg deutlich sichtbar an. In den folgenden Stunden floss das Wasser zeitverzögert über die Vertiefung in der Dammkrone (siehe Bild) in den Insinger Bach ab. Solche Starkregenereignisse beobachten wir immer häufiger und mit ihnen müssen wir auch in den nächsten Jahren leben, darin sind sich die Wetterexperten einig. Aber nicht nur zum Hochwasserschutz tragen die Biberdämme bei, auch die Wasserqualität wird verbessert. Speziell am Insinger Bach ist durch Untersuchungen nachgewiesen, dass die Nährstoffbelastung am Beginn des Biberbiotops am höchsten ist und immer geringer wird, je länger das Wasser das Biberbiotop durchfließt. In unserer trockenen Gegend müssen wir doch für jede Wasserrückhaltung froh sein. Die bayerische Studie zeigt auch, dass dies der Grundwasserbildung zu Gute kommt.  Allerdings benötigt der Biber für seinen Lebensraum auch Platz. Mit der gesetzlichen Ausweisung von Gewässerrandstreifen, die seit 2019/2020 in Baden-Württemberg auch von den Landwirten umgesetzt werden, will die Politik die Wasserqualität verbessern. Als Nebeneffekt wird damit auch der größte Teil der Landnutzungskonflikte gelöst, da sich die Hauptaktivitäten des Bibers auf wenige Meter entlang des Gewässers abspielen. Bei weitergehenden Konflikten bietet die Politik Hilfe durch Fachberatung der Bibermanager an und stellt kostenlos Zäune zum Schutz von Obstbäumen zur Verfügung. Eine weitere Möglichkeit ist das Instrument der Flurneuordnung, das die Gemeinde Wittighausen derzeit nutzt. Hier wird versucht, im Zuge des Flurneuordnungsverfahrens „Wittighausen-Unterwittighausen (Insinger Bach)“ die Konflikte durch Bodenordnungsmaßnahmen zu lösen. Die NABU Gruppe Wittighausen stellt am Ried, seit der Biber sich vor einigen Jahren dort angesiedelt hat, einen enormen Zuwachs an Artenvielfalt fest. Dies trifft auf die gesamte Nahrungskette von Insekten, Amphibien bis hin zu den Vögeln zu. Allein in den letzten 3 Jahren wurde neben den bereits 100 bekannten Vogelarten über 30 neue, z.T. sehr seltene Arten dort dokumentiert. Es macht Hoffnung, wenn man sieht, wie dankbar die Flora und Fauna darauf reagiert und solche Areale annimmt. Es bleibt die Frage, ob wir als Gesellschaft dazu bereit sind, entsprechende Flächen zur Verfügung zu stellen, wie wir das für Baugebiete und Infrastruktur doch auch tun. Das Hauptproblem für das Leben und die Lebewesen in unseren Bächen ist doch die Wasserarmut durch den fehlenden Regen in den letzten Jahren. So war der Insinger Bach im Sommer 2019 für einige Wochen sogar komplett ausgetrocknet. Die Sorge, dass der Biber Kahlfraß macht und alle Gehölze fällt, ist unbegründet. Als reiner Vegetarier sind die Gehölze seine Lebensversicherung für den Winter und er wird schon deshalb keinen Raubbau betreiben. Dies zeigt sich auch in dem territorialen Verhalten einer Biberfamilie. Sie benötigt einen Gewässerabschnitt von mehreren hundert bis zu tausend Metern und verteidigt diesen. Somit ist von natur aus ein unbegrenztes Wachstum der Biberpopulationen ausgeschlossen. Wir müssen lernen, dass auch ein abgestorbener Baum einen großen Wert für die Natur darstellt. Der Forst hat schon vor Jahren die ökologische Wertigkeit von Todholz im Wald erkannt und schützt inzwischen bewusst Spechtbäume. Dieses Denken ist bei einem abgestorbenen Baum in der freien Landschaft noch nicht angekommen. Hier müssen wir noch mutiger werden und von einer sauberen und aufgeräumten Flur wegkommen. Selbstverständlich muss ein abgestorbener Baum dort entfernt werden, wo die Verkehrssicherheit nicht gegeben ist. Die Menschheit hat vor über 100 Jahren den Biber fast ausgerottet. Zum einen aus medizinischen Gründen und zum anderen weil sein dichtes Fell sehr begehrt war. Heute stehen die Landnutzungskonflikte im Mittelpunkt und hier bleibt zu hoffen, dass wir als Menschheit Lösungen finden, damit Mensch und Natur ein gutes Miteinander finden. Den Biber sollten wir nicht nur als Problem sehen, sondern seine Wertigkeit für den Naturhaushalt begreifen lernen. Wenn wir dies in Geld ausdrücken könnten, würden wir bestimmt fairer mit ihm umgehen.